Die schottischen Pot Stills - Teil 1
Teil 2
Die Kernstücke jeder Brennerei

Glendronach - Brennhaus bei Nacht
Wer ist nicht fasziniert von
den wundervollen, kupferfarbenen Schmuckstücken jeder Brennerei? Wer einmal kalt
gefroren von den Winden der schottischen Highlands ein laufendes Brennhaus
betreten hat, kann dieses willkommen heischende Gefühl von kupferner Wärme und
alkoholdampfender Behaglichkeit nie wieder vergessen.
Doch wie entstehen diese
kupfer- bis goldfarbenen Destillationskessel, die mit ihren runden Formen und
mechanischen Details, die den technisch Interessierten vor einige Rätsel stellen?
Fast keine Brennblase gleicht einer anderen und doch finden sich Details
überall wieder. Es muss also technische Grundmerkmale geben, die allen oder doch
zumindest den meisten Brennblasen gemeinsam sind.

Richard Forsyth mit Theresia Lüning
Mein Dank gilt Richard Forsyth von der gleichnamigen
Kupferschmiede in der schottischen Stadt Rothes. Er erklärte mir mit viel
Sachverstand die grundlegenden Design-Kriterien schottischer Malt Whisky
Brennblasen. Die Firma Forsyths hat ihre Ursprünge in der Brennblasenfertigung
und steht heute für die Erneuerung und Wartung von rund 50 Prozent aller in
Schottland stehenden Brennblasen. Doch nur 12 erfahrene Mitarbeiter kümmern sich
um Brennblasen. Der Großteil der Mitarbeiter ist mit der Produktion und
Wartung von Anlagen für die Petrochemie und Pharmaindustrie beschäftigt.
Brennblasen Heizung
Noch in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts wurden die
meisten Brennblasen mit Kohle befeuert. Heute hat sich das indirekte
Heizverfahren mit Heißdampf fast überall durchgesetzt. Man betreibt einen großen
Wasserboiler mit Öl oder Naturgas als Brennstoff und leitet Heißdampf durch
isolierte Rohre in ein geschlossenes Heizsystem innerhalb der Brennblasen. Der
überhitzte Wasserdampf gibt seine Wärme an die Flüssigkeit in den Brennblasen ab
und der Dampf kondensiert wieder zu Wasser. Dieses Wasser wird aufgefangen und
zurück in den Boiler gepumpt und im Kreislauf erneut erwärmt.

Heizkreislauf einer indirekt beheizten Brennblase
Nur noch Glenfiddich, Glenfarclas und die Wash Stills von Macallan werden
nicht mit Heißdampf sondern auf
alte Weise direkt befeuert. Im Gegensatz zu früher verwendet man heute jedoch
nicht mehr Kohle sondern leichter zu handhabendes Erdgas. Da die heißen
Gasflammen von unten direkt auf das Kupfer treffen, benötigen Wash Stills auf
der Innenseite eine besondere Vorrichtung - Rummager genannt - um ein Anbrennen
der festen Teilchen am Boden zu verhindern. Beim ersten Brand befinden sich
immerhin noch rund 6 bis 7% feste Teilchen aus den Getreidekörnern im Wash.

Glenfarclas - Rummager in einer direkt befeuerten Wash Still

Macallan - Gasheizungen der Pot Stills
Brennblasen Unterteil
Jede Brennblase besteht aus Ober- und
Unterschale. Während das Unterteil vorwiegend auf die technischen Besonderheiten
der Feuerung ausgerichtet werden muss, bestimmt die Form des Oberteils den
Geschmack und die Ausprägung des destillierten Roh-Whiskys. Blicken wir zuerst
auf das Unterteil der Brennblasen. Es ist im Prinzip nichts anderes als ein
großer runder Kupferkessel mit einem besonderen Boden. Wird die Brennblase von
außen (direkt) geheizt, so muss der Boden auf der Innenseite nach oben gewölbt
sein, damit das Gasfeuer stabil in der Mitte brennt (siehe Glenfarclas Bild
oben).

Forsyths - Ausgediente Brennblase
Die Wandstärke eines mit Gas befeuerten Kessels muss
starke 16mm betragen, damit die aggressiven Flammen auf der Außenseite und der
schabende Rummager auf der Innenseite nicht zu schnell die Wandstärke auf das zulässige
Minimum abtragen. Die kegelförmigen Seitenwände müssen immer noch 10mm stark
sein, da die Außenwand in diesem Flammbereich, dem Fire Flue, bis zu 650 Grad Celsius
heiß wird.

Glenfiddich - Brennblasen mit Rummager-Antrieb
(Grauer Elektromotor im Vordergrund)

Forsyths - Neues Kegelradgetriebe aus Messing für einen
Rummager-Antrieb
(siehe auch Bild von Glenfarclas oben)
Auf den obigen Bildern sind die Einbauten in direkt
befeuerte Wash Stills zu sehen. Mit drei um 120 Grad versetzte
Verstärkungsplatten auf der Außenschale und Messingbolzen wird ein
Kegelradgetriebe im Zentrum der Brennblasen auf drei Trägern aus Bronze oder
Messing fixiert. Ein außen laufender Elektromotor, dessen Welle mit einem
abgedichteten Lager bis ins Innere der Brennblase reicht, treibt über das
Kegelradgetriebe den Rummager im Inneren mit etwa einer Umdrehung pro Minute an.
Der Rummager aus Bronze oder Messing ist mit einem Kettenband aus verwebten
Kupferringen bestückt, die ständig den am Boden festbackenden Belag abreiben.
Dabei verschleißt neben dem Boden auch das Kettenband. Nach etwa 2 bis 3 Jahren
Dauerbetrieb ist dieses Band abgenützt und muss erneuert werden.

Forsyths - Rummager-Kette
(siehe auch Bild von Glenfarclas oben)
Eine indirekt mit Dampf geheizte Brennblase sieht dagegen innen ganz
anders aus. Der Boden kann leicht kegelförmig nach unten zulaufen, um das
Ablaufen der Reste der Destillation (Pot Ale) zu erleichtern. Bei den ersten
eingebauten indirekten Heizungen setzte man ganz einfache Rohre ein, die
spiralförmig zu einer riesigen Tauchsiederschlange gebogen waren. Die
Rohrleitungen verliefen dabei ziemlich dicht an der Wand der Brennblasen. Man
wollte damit den gleichen Heizeffekt von außen bzw. unten erhalten,
wie bei den direkt befeuerten Anlagen.

Linkwood - Indirekte Heizung einer Pot
Still
Doch auch an diesen Heizschlangen backten die festen
Überreste der Getreideschalen fest. Die Reinigung der Heizrohre war eine
mühselige und anstrengende Arbeit, die die möglichen Betriebsstunden der
Brennblasen deutlich verringerten. Die Lösung dieses Problems fand sich in
speziell geformten Heizzylindern, wie sie in den beiden folgenden Bildern zu sehen sind.

Glenlossie + Linkwood - Indirekte Heizung
mit Heizzylindern
Mehrere dieser innen hohlen Heizzylinder
werden im Inneren der Brennblase angeordnet. Die Zylinder stehen mit ihren
Öffnungen auf der Ober- und Unterseite senkrecht. So kann das Wash von unten eintreten und nach oben
erhitzt ausströmen. Die Wände der Heizzylinder sind doppelwandig, durch die der
Heißdampf von oben eintritt und als abgekühltes Kondenswasser nach unten
abläuft. Zwischen den dünnen Wänden der Zylinder sind Leitbleche für den
Dampfstrom eingesetzt, um eine gleichmäßige Wärmeabgabe über die gesamte
Zylinderwand zu gewährleisten.
Die Dampfzufuhr erfolgt über die Ringleitung
oberhalb der Zylinder. Beim Auffangen des Kondensats haben sich ringförmige
Sammelleitungen im Inneren bewährt. Die Ableitungen von Pot Ale und
Kondenswasser lassen sich gut unter den Brennblasen von Longmorn betrachten.

Longmorn - Pot Ale- und Kondensat-Leitungen
Doch auch bei der indirekten Heizung mit
Dampfzylindern backen feste Bestandteile an den heißesten Bereichen fest. Deshalb sind über den Heizzylindern Sprühköpfe für die
Reinigungsflüssigkeit angebracht (siehe Bilder von Glenlossie + Linkwood). Nach
der vollständigen Entleerung der Brennblase wird die Reinigungsflüssigkeit auf die
Zylinder gesprüht und die Zylinder mäßig erwärmt. Nach einem Einwirkungszeitraum
kann man klar nachspülen. Sämtliche Reinigungsflüssigkeit wird in einem
Sammelbehälter aufgefangen und im Herstellerwerk wieder aufgearbeitet.
Da die Wärmebelastung und der mechanische
Abrieb einer indirekt befeuerten Brennblase weitaus geringer als bei einer
direkt befeuerten ist, kommt man mit Kupferwandstärken von nur 6mm für Boden und
Wand des Kessels aus.
Brennblasen Oberteil
Erwähnt ein Whiskygenießer die Form einer Brennblase, so
meint er in der Regel damit die spezielle Ausführung des Oberteils. Die
detaillierte Form ist für die Verdampfungs-, Strömungs- und
Kondensationsverhältnisse zuständig. Doch es geht nicht nur um das Oberteil
allein. Auch die Form und Neigung des Überleitungsarms zum Kondensator, des so
genannten Lyne-Arms, entscheidet über die Art und Qualität des Roh-Whiskys.
Grundsätzlich unterscheidet man vier Oberteiltypen:

Bild 1: normale Brennblase (Drumguish)
Die Brennblase auf Bild 1 kann als Urtyp jeder Brennblase
angesehen werden. Vier grundlegende Bereiche sind im Oberteil zu erkennen.
Zuerst ist da der kugelförmige Deckel A, der den Kessel nach oben abdeckt. An
ihn schließt sich ein kegelförmiger Hals C an, der über ein Zwischenstück B mit
dem Deckel verbunden ist. Der Lyne-Arm E wird mit dem Oberteil über einen
räumlich kompliziert geformtes Krümmungsstück D verbunden.

Bild 2: gedrungene Brennblase (Lagavulin)
Bei der Destillation steigen die alkoholischen Dämpfe und
Aromastoffe im Brennblasenhals auf und kondensieren an der durch die
Umgebungsluft gekühlten Kupferwand und fließen in den Kessel zurück. Mit
Erhöhung der Temperatur schaffen es die leichtesten Bestandteile zuerst, über
den Krümmer in den Lyne-Arm und endgültig in den Kondensator zu gelangen. Je
höher und schlanker eine Brennblase ist, um so besser trennen sich die bei
unterschiedlichen Temperaturen verdampfenden Bestandteile und um so reiner wird
der Alkohol am Krümmer der Pot Still. Lagavulin stellt einen sehr intensiven,
kräftigen Whisky her, da die Brennblasen, wie im obigen Bild zu sehen, sehr
gedrungen sind und die Geschmacksbestandteile sich nicht so leicht trennen.

Bild 3: hohe Brennblase (Glenmorangie)
Die Brennblasen von Glenmorangie sind dagegen hoch und
schlank. Der Whisky fällt damit sehr weich und mild aus. Die schwereren, öligen
Geschmacksstoffe bleiben bei der Destillation im Kessel zurück.

Bild 4: eingeschnürte Brennblase (Glenkinchie)
Den gleichen Effekt wie große Höhe kann ebenfalls durch
eine Beruhigung der Dampfsäule im oberen Teil der Brennblase erreicht werden.
Man muss die Gassäule von der kochenden und stark bewegten Oberfläche der
Flüssigkeit isolieren. Das erfolgt durch eine starke Einschnürung. Diese kann
man sehr schön an der Spirit Still von Glenkinchie sehen.

Bild 5: Brennblasen mit Rückfluss-Kugeln (Strathmill)
Die Trennung von schweren und leichteren Bestandteilen
lässt sich ebenfalls über eine Ausbuchtung, die meist kugelförmig ist, zwischen
Brennblasendeckel und -hals erreichen. Die zusätzliche Oberfläche erhöht die
Wärmeabgabe an die Umgebung und fördert den Rückfluss der kondensierten
Tröpfchen in den Kessel. So bleibt die gegebene Höhe der Brennblase vollständig
für die Trennung der leichteren Dampfanteile vorbehalten. Ein genauer Blick auf
die Brennblasen von Glenmorangie zeigt, dass man Höhe, Rückflusskugeln und
Einschnürung miteinander kombiniert hat, um eine größtmögliche Trennung zu
erzielen.
Die Wandstärken der Oberteile sind deutlich geringer, als
die der Unterteile. So lassen sich die geschwungenen Formen leichter herstellen.
Zwischen 3mm und 4mm liegen die meisten Wandstärken der Pot Stills. Wash Stills
weisen dabei meist 4mm auf. Spirit Stills liegen eher bei 3mm. Der größte
Verschleiß am Oberteil tritt im Krümmer und Lyne-Arm auf. Hier sind die heißen
alkoholischen Dämpfe am aggressivsten. Sie reißen ständig Kupfermoleküle aus der
Oberfläche heraus.
Egal wie die spezielle Form einer Brennblase auch
ausfällt. Der Kupferschmied muss die vorgegebenen gekrümmten Formen auf
irgendeine Art und Weise herstellen.

Forsyths - Schweißen von Kupferblech und
Brennschneiden von Kupferblech (Hintergrund)
Der Ausgangsstoff ist immer das Blech aus 99,85% reinem
Kupfer nach British Standard BS2570C106 in verschiedenen Stärken. Etwa 80% des
Kupfers besteht aus Recycling-Material, das neben den Abfällen aus der
Elektroindustrie auch von ausgedienten Brennblasen stammt.

Forsyths - Brennblasendeckel in Rohform für
Strathisla
Nachdem die Grundformen von Kreisen, Segmenten u.s.w. aus
dem Kupfer geschnitten wurden, werden wie in alter Zeit diese Bleche zu Kegeln
mit angetriebenen Hämmern gebogen und an den Stoßstellen verschweißt. Früher
verwendete man Nieten oder lötete die Stoßstellen. Heute hat sich das
Schutzgasschweißen als beste Verbindungsart durchgesetzt.


Forsyths - Schweißnähte
oben unbehandelt
unten gehämmert
Das Kupfer ist in seinem Rohzustand noch sehr weich und
lässt sich mit Hämmern gut in die räumliche Form bringen. So entstehen aus
einfachen Zylindern Kugelabschnitte, Ellipsoide oder Freiformflächen nach dem
Wunsch der Auftraggeber. Das Hämmern verfolgt aber noch weitere Zwecke. Die
unregelmäßige Oberfläche der Schweißnähte wird geglättet, wie im unteren Teil
des obigen Bildes zu sehen ist.

Forsyths - Deckel nach dem Hämmern
Abschließend wird die gesamte Oberfläche noch einmal
gehämmert, um die Randschicht des weichen Kupfers im kalten Zustand zu
verfestigen. Um die bekannte, kupfern schillernde Oberfläche zu erzeugen wird
abschließend die fertige Form noch geschliffen und poliert. Ganz zum Schluss
erfolgt nur von Außen ein Anstrich mit klarem Schutzlack.
So vorbereitet halten die Brennblasen gut 25 Jahre Betrieb
aus. Der ständige Kupferabtrag auf der Innenseite durch den Rummager und die
aggressiven Flüssigkeiten führt zu einer ständigen Schwächung der Wandstärke. Am
stärksten ist, wie oben bereits gesagt, der Abtrag im Kessel der Wash Still
durch die verbliebenen, festen Teilchen im Wash. Ebenfalls hoch ist der
Verschleiß im oberen Teil der Spirit Still durch die aggressiven alkoholischen
Dämpfe. Da die Wandstärken der Spirit Stills schwächer sind, müssen deren
Oberteile bereits nach 10 bis 15 Jahren durch Nachbauten ersetzt werden. Als
Faustwert gilt: Hat sich die Wandstärke auf 50% der ursprünglichen Dicke
reduziert, so muss die Brennblase ausgetauscht werden. Ansonsten kann der
Brennblasen-Gau eintreten und die Brennblase kollabieren.
Ach ja, mit einem Märchen muss am Ende dieses Artikel auch
noch aufgeräumt werden. Oft wird erzählt, dass verbeulte Brennblasen exakt mit
jeder Beule nachgebaut werden, um den Geschmack eines Malts über die Jahre
beizubehalten. Diese Aussagen gehören in die Märchenstunde und interpretieren eine
Mystik in den Malt Whisky, die so nicht vorhanden ist. Niemand wird eine 50.000 EUR teure neue Brennblase mutwillig beschädigen und eine geringere
Standzeit riskieren. Egal was für ein Whisky hinten herauskommen wird.
Wer bis hierhin mit Lesen durchgehalten hat, darf sich auf
einen zweiten Teil unseres Artikels über schottische Brennblasen freuen. Sehen
Sie bei Gelegenheit wieder auf dieser Homepage vorbei, um Details beim Betrieb
von Brennblasen kennen zu lernen. Auch hierfür haben wir mit einem erfahrenen
Brennerei Meister wieder eine Fachperson gewinnen können.
Weiter zum Teil 2
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